Bindungspädagogik

Trauma- und Bindungspädagogik – 2

Die Bindungstheorie

Der englische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby begründete in den 50er Jahren die Bindungstheorie. Entgegen Freuds Triebtheorie, dass sich ein Säugling durch die orale Triebbefriedigung während des Stillens an seine Mutter binde, erwähnte Bowlby erstmals ein biologisch angelegtes Bindungssystem. Er wandte sich damit immer mehr gegen traditionelle psychoanalytischen Modelle, die sich mit dem kindlichen Phantasieleben beschäftigten. Und die die Auswirkung realer Traumata durch beispielsweise Trennungen nicht anerkannten.

Ethnologische Studien zur frühen Prägung im Tierreich, die Untersuchung von Harlow an Rhesusaffen und die Deprivationsstudien von René Spitz bestätigten seine eigenen klinischen Beobachtungen von Gefühllosigkeit bei einigen Kindern und Jugendlichen als Auswirkung von Trennungstraumata. Nach dem 2. Weltkrieg beauftragte die Weltgesundheitsordnung John Bowlby damit, die psychische Entwicklung von Kriegswaisen und deren elementare Bedürfnisse zu erforschen. Seine Ergebnisse teilte er in seiner Arbeit „Maternal care and mental health“ im Jahr 1951 mit (Bowlby 1958). Er berichtete ausführlich über die Auswirkungen mangelnder mütterlicher Fürsorge. Damit hat er einen immens wichtigen Beitrag zur entwicklungsgerechten Betreuung von Kleinkindern in Heimen und Kliniken entwickelt.

Die Suche nach Nähe

Bowlbys Theorie besagt, dass der Säugling ein nahezu angeborenes Bedürfnis hat, in bindungsrelevanten Situationen Nähe, Zuwendung und Schutz einer vertrauten Person zu suchen. Die Entwicklung der Bindungsverhaltensweisen beginnt unmittelbar nach der Geburt und dient dabei, bei Bedarf Nähe zur Bindungsperson herzustellen. Der Säugling sichert sich mit seinem angeborenen Verhaltensrepertoire im ersten Lebensjahr die Nähe seiner Bezugsperson, zu welcher er ein interaktives Bindungssystem aufbaut. Das Bindungsverhalten zeigt sich insbesondere im Suchen der Bindungsperson, im Weinen, Nachlaufen, Festklammern an derselben und durch Protest, Ärger, Verzweiflung und Trauer sowie emotionalen Rückzug und Resignation beim Verlassenwerden. Dieses Verhalten wird durch Trennung von der Bindungsperson sowie durch äußere oder innere Bedrohung, Schmerz sowie Gefahr aktiviert.

Die wichtigste Funktion der Bindungsperson ist es, den Säugling bzw. das Kind in Situationen vor einer Bedrohung zu schützen und ihm emotionale und reale Sicherheit zu geben. Ein kybernetisches Verhaltenssystem reguliert das kindliche Bindungsstreben. Das Bindungsstreben hat gegenüber dem Explorationsstreben des Kindes Priorität. Es wird durch Angst, Schmerz und Müdigkeit aktiviert und durch die Nähe der Bindungsperson deaktiviert. Wenn ein Bindungsbedürfnis durch eine sichere emotionale Basis befriedigt wird, wird ein Explorationsverhalten erst möglich. Dieser Drang die Umwelt zu erkunden ist antithetisch zum Bindungsverhalten und nimmt im Alter von ca. zwei Jahren deutlich zu. Wobei sich das Kind wiederholt bei der Mutter durch Blicke oder auch Körperkontakt rückversichert. Komplementär zum Bindungsverhalten ist die elterliche Fürsorge und Pflege.

Bindung als Primärbedürfnis

Im Gegensatz zu den Freudschen sekundärtriebtheoretischen Konzepten ist die Bindung ein Primärbedürfnis. Das Bindungssystem ist ein relativ eigenständiges Motivationssystem, welches als evolutionäres Erbe von Geburt an bis ins hohe Alter wirksam ist. Sein ausführliches theoretisches Konzept veröffentlichte Bowlby in seiner Trilogie „Bindung“ (1975), „Trennung“ (1976) und „Verlust, Trauer und Depression“ (1978).

Das klinisch formulierte Konzept Bowlbys wurde durch die empirischen Untersuchungen seiner Mitarbeiterin Mary Ainsworth erst richtig akzeptiert. Erst dadurch erlangte dieser Ansatz vermehrten Einfluss auf die Psychoanalyse.

 

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