Bindungspädagogik

Trauma- und Bindungspädagogik – 1

Warum Bindung für die kindliche Entwicklung wichtig ist

Eine sichere Bindung zu einer Bezugsperson zu erleben, kann für ein Kind die wichtigste Grundlage für sein Leben bilden. Auf diese Weise kann es Empfindungen wie Urvertrauen /Vertrauen in sich und das eigene Leben entwickeln. Das Kind kann lernen, sich in einer Beziehung sicher und wahrgenommen zu fühlen. Nicht zuletzt kann es auch die Erfahrung machen, geliebt zu werden und hat somit die Chance einen gesunden Selbstwert zu entwickeln. Auch erlebt dieser Mensch Zugehörigkeit durch die entstehende Nähe zu den Bezugspersonen. 

Eine sichere Bindung erfährt man im besten Fall zur eigenen Mutter und zum Vater, es ist jedoch auch möglich diese Erfahrungen mit einem anderen nahestehenden Menschen aus dem familiären oder sozialen Umfeld zu machen. Entscheidend für das Kind ist, dass diese Erfahrung gemacht werden kann und als Ressource im eigenen Erleben vorhanden ist, auf die es ein Leben lang zurückgreifen kann.

Für junge Menschen, die auf solche Erfahrungen nicht zurückgreifen können, heisst das, dass sie oftmals keinen festen Boden unter ihren Füßen haben. Sie sind häufig verunsichert, können ein eher niedriges Selbstbewusstsein bzw einen geschwächten Selbstwert entwickeln. 

Wer in den ersten drei Lebensjahren wenig Bindung, Stabilität und sichere Nähe erfahren hat, hat möglicherweise im weiteren Verlauf mit Themen wie Mißtrauen, Ängsten, Instabilität, Affektlabilität, Affektarmut, gestörter Impulskontrolle, Beziehungsangst oder auch im weiteren Verlauf mit Suchtthematiken u.Ä. zu kämpfen. Wie ein Kind seine Erfahrungen integriert und was es aus diesem Erleben macht, wird durch seine grundlegende Konstitution sowie seine Resilienz mitbestimmt. 

Kommen zu oben genannten Erfahrungen instabiler Bindungen/Bindungslosigkeit noch weitere erschwerende Ereignisse hinzu (frühe Verluste/Trennungen, Gewalt jeglicher Art, Flucht/Krieg, Ausgrenzung, starke psychische Erkrankungen der Eltern/des Umfeldes), die das Kind nicht angemessen verarbeiten und integrieren kann, kann dies enorme Auswirkungen auf die neuronale (und somit soziale, emotionale, kognitive) Entwicklung haben.

Schocktrauma und Entwicklungstrauma

Bei einem Schocktrauma handelt es sich um ein einmaliges Erlebnis, dass den Betreffenden in eine akute Lage der Hilflosigkeit bringt. Hierunter fallen Unfälle jeglicher Art, Unwetter – Katastrophen, plötzliche, unerwartete Angriffe, um nur einige Beispiele zu nennen. Die physische Reaktion des Körpers auf diese Situation ist den Reaktionen bei Entwicklungstraumata ähnlich. Allerdings kann die therapeutische Aufarbeitung eines einmaligen Schockerlebnisses, insbesondere wenn dieses nicht im Zusammenhang mit wichtigen Bindungspersonen erlebt wurde, mitunter leichter aufzuarbeiten sein. Dies ist jedoch stets im Verhältnis zu dem Geschehen zu betrachten. Bei einem Schocktrauma gibt es ein davor. Der Betreffende kann sich durchaus daran erinnern, wie sich das Leben vor dem Trauma angefühlt hat. Er hat einen direkten Vergleich. Es gab ein Leben vor dem Tag X. Auch wenn es je nach Erlebnis schwerfällt, so manches Schocktrauma für sich anzunehmen und zu überwinden, die Chancen einer guten nachträglichen Verarbeitung stehen jedoch bei einem fundierten traumtherapeutischen Angebot recht gut.

Bei Entwicklungstraumata gestaltet sich alles etwas schwieriger. Diese Traumatisierungen werden in der Fachliteratur immer wieder als Beziehungstrauma bezeichnet. Denn sie entstehen erfahrungsgemäß im familiären Bereich, oftmals auch schon recht früh. Hat ein Kind in jungen Jahren wiederholt Traumatisierungen erlebt, kann dies Spuren für den Rest seines Lebens in ihm hinterlassen. Das Schwierige hierbei ist, dass es oftmals kein „davor“ gab, als alles noch in Ordnung war. Ein Kind hält diese Umstände dann für normal. Es kann dann nicht differenzieren, dass Gewalt oder Missbrauch etwas „Unnormales“ sind. Bei diesen Kindern können dann Probleme im Sozialverhalten auftreten oder auch starke Introvertiertheit. 

Therapeutische Prozesse können sich im Falle von Entwicklungstraumata langwierig und schwieriger gestalten, da Stabilität, Bindungssicherheit und eine gesunde, selbstbestimmte Nähe und Distanz in den Beziehungen nachgeholt werden müssen. Vertrauen in die eigenen Gefühle, in die eigene Intuition und in ein aufmerksames Spüren, was gut und richtig für einen selbst ist, müssen hier erst heranreifen. Dies ist eine wichtige Grundlage für vertrauensvolle Beziehungen mit seinen Mitmenschen.

Mögliche Traumafolgen im Kindes- und Jugendalter

Traumatisierungen werden in Fachkreisen häufig „verkörperte Schrecken“ genannt. Sie hinterlassen nachweislich Spuren im Gehirn und in anderen Körperzellen. Die gleichzeitige Verwundung im Seelenleben dieses Menschen kann dabei ebenfalls sehr tief sein, das Vertrauen zur Bezugsperson erschüttert (bei gleichzeitigem Empfinden, dass die erlebte Gewalt auch eine Form von Nähe und Kontakt zur Bezugsperson bedeutet). Gewalt in der Kindheit zu erleben heisst, immer wieder mit überwältigenden Ereignissen konfrontiert zu werden. Durch Regelmässigkeit und Intensität bestimmt, kann das autonome Nervensystem nicht mehr in angemessener Form diese massiven Spannungen verarbeiten und integrieren. Die Spuren von Gewalterfahrungen können sich noch viele Jahre nach den Erlebnissen (auch noch 30 Jahre später) mit bildgebenden Verfahren im Gehirn eines Menschen nachweisen lassen. Dort bleiben die Erinnerungen, gut verdrängt, erhalten und sorgen von dort aus für weitere psychische Spannungsfelder und psychosomatische Symptome.

In Kindheit und Jugendzeit erwachsen zunächst „nur“ Verhaltensauffälligkeiten, emotionale, soziale und kognitive Einschränkungen können Teil dieser Entwicklung sein (neben den direkt sichtbaren körperlichen Spuren von Gewalteinwirkungen). Die Kinder und Jugendlichen können das Erleben so weit verdrängen, dass es in anderen alltäglichen Situationen nicht zugänglich ist – jedoch können die gespeicherten Erinnerungen im Körper immer wieder getriggert werden. Übersetzt heisst das, sobald ein noch so kleiner Reiz von außen in das Kind eindringt (ein Geräusch, ein Geruch, ein Blick, eine Geste etc), der das Kind unbewusst erinnert, reagiert das autonome Nervensystem so, als würde die Gewalttat in diesem Augenblick wieder geschehen. Dies führt je nach Konstitution und Bewältigunsmodus zu auffälligem Affektverhalten, zu starkem Rückzug bis hin zur Starre, zu Abwehr, zu Fluchtverhalten uvm. 

Im Laufe des Lebens entstehen meist weitere psychosomatische Beschwerden, mitunter bis hin zu einer progredient fortschreitenden und anhaltenden Persönlichkeitsveränderung. Menschen mit überwältigenden Erlebnissen in der Kindheit neigen zu Komorbiditäten (das heisst, andere psychische Erkrankungen können sich dazugesellen / Beispiel: Depressionen, Borderlineerkrankungen, Süchte uvm). 

Mögliche Traumafolgestörungen im Erwachsenenalter

  • Angststörungen
  • Depressive Störungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Suizid
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Suchterkrankungen
  • Somatoforme Störungen
  • Verhaltensstörungen
  • Entwicklungsstörungen
  • Übergewicht
  • Diabetes mellitus
  • Bluthochdruck
  • Ischämische Herzkrankheit
  • Schlaganfall
  • Krebs
  • Chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COLD)
  • Lebererkrankungen und Frakturen als Traumafolgestörung
  • Definition im Kontext dieses Dokuments 31 konkrete Gesundheitsstörungen
  • aber auch Faktoren wie Rauchgewohnheiten, Kriminalität, Sexualverhalten oder unterbrochene Schullaufbahn wurden in Zusammenhang mit einer Traumatisierung analysiert…. (Quelle: Hebetha, S. et al, 2012: Deutsche Traumafolgekosten-Studie, S. 32, Michaela Huber)